Timm Schuch:

Meine Begleiter

Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich meinen Führerschein unterschreiben durfte. Ich ging - vor lauter Aufregung ohne Frühstück - aus dem Haus, um die Fahrprüfung zu machen. Am 23. Juli 1985. Der Prüfer ließ mich im 4-Türigen Golf GL Diesel Platznehmen, einmal am Berg anfahren, rückwärts einparken und mich dann den Führerschein unterschreiben. So einfach war das 1985 noch.

© Volkswagen AG - so sah der Fahrschulgolf aus
Nach sieben Fahrstunden in der Gerolsteiner Fahrschule von Wolfgang Engel. Außer dem Diesel hatte er noch einen Blondinenfänger - ein Golf Cabriolet. Jedoch ließen sich die Gerolsteiner Blondinen nicht von hüpfenden Cabrio´s, deren Fahrer gerade die erste oder zweite Fahrstunde hatten, beeindrucken. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich kam heim, zeigte meiner Mutter den Schein, um sogleich sie und den Schlüssel ihres 230.6 Automatic an die Hand zu nehmen und eine erste Probefahrt ohne unterstützende Beifahrerpedale zu machen. Auf den ersten Metern kam es dann schon, wie es kommen musste: einen VW Diesel mit Schaltung gewöhnt, trat ich das Pedal bis ans Bodenblech durch (das musste man im Golf, um vorwärts zu kommen) und trat - so hatte ich's gelernt - mit dem linken Fuß auf die Kupplung. Jedoch war im /8 dort, wo der Golf ein drittes Pedal beherbergte, nur der Fortsatz seines überdimensionalen Bremspedals. Wir wechselten die Gesichtsfarben, der Benz nahm auf den Schreck einen ordentlichen Schluck Superbenzin (das tat er bis zu seinem Ende immer, wenn er sich aufregte oder freute) und ich fuhr gemäßigt und die Nerven des linken Beins ausschaltend und die meiner Mutter schonend, weiter.
Die erste Ausfahrt. Komisch, dass man sich an so was erinnert. Ist immerhin 16 Jahre her.

Übrigens: das war die Zeit, als sich mir langsam der 230 E von Frau Gerhardy ins Hirn brannte. Aber dazu später. Das dauert noch elf Jahre.

Damals, im Juli oder August 1985, hatte ich meine erste Freundin. Sie wohnte 50km von zu Hause weg, was mich natürlich nicht störte.

© Mercedes-Benz - in Ermangelung eigener Fotos hier eins
aus dem Prospekt. Unserer war in diesem unsäglichen 76er-
Beige lackiert und war Baujahr 6/76 - also einer der letzten
Denn meine Eltern waren so lieb und vertrauensvoll, mir immer ihren schon erwähnten Benz zu leihen. Hätten sie gewusst, was ich auf diesen Touren mit ihm anstellte, wäre ich wohl fortan zu Fuß gelaufen. Und hätte die Freundin geahnt, dass ich mich manchmal mehr auf die Fahrt als auf sie freute, dann hätte ich mir wohl eine andere suchen dürfen.
Meinem Vater fiel zwar irgendwann auf, dass sein Auto bei ihm so um die 13 Liter und bei mir bis zu 20 verbrauchte, aber da keine Beulen und Kratzer dran waren, durfte ich ihn weiter benutzen. Fast täglich von Gerolstein nach Wittlich. Das bedeutete, ca. 25km Landstraße (die Sorte mit glattem Teer, wo´s schön quietscht) und 25km Autobahn (die Sorte mit wenig Betrieb, quasi als Teststrecke anzusehen). Es kam zu Duellen mit Granada-Schüsseln alten 5ern und Opel Commodore´s und so weiter. Man konnte so schöne Sachen machen. Zum Beispiel auf glattem Teer stoppen, den Hebel auf "N", Vollgas und den Hebel in "L" hauen. Den ersten Gang drehte er dann bis 40km/h aus und schaltete kurz vor 100 in den dritten. Gut, dass es damals keine Drehzahlmesser gab und noch besser, dass mein Vater solche "Belastungsprüfungen" nie beobachtete.

Ein Jahr später, ich hatte inzwischen zwei eigene Polos verschlissen (erzähle ich später), kam bei meinem Vater der altersbedingte Ökogedanke durch und es musste unbedingt ein Diesel her. Mitte der 80er waren Diesel schwer im kommen und Granaten wie der Golf GTD hatten es ihm angetan. Da stand er nun, mein geliebter 230.6. Beim VW-Händler auf dem Hof, ich glaube für 3.000 DM, zwischen Passats und Golfs. Tage später brach es mir das Herz, als ein Bitburger Hinterhofhändler den Benz abholte, um ihn dort auf dem Hof seines amerikanischen Autohauses anzubieten.


© Timm Schuch
Mein erster eigener Wagen war ein 76er Polo mit 50 PS. Meine Eltern schenkten ihn mir im August 1985. Er war so farblos, dass ich mich kaum an ihn erinnere. Es war Volkswagens erstes Zwei-Liter-Auto. Bei jedem tanken mussten nämlich zwei Liter Öl nachgefüllt werden. Das einzig bemerkenswerte an ihm war das Typenschild, das mir ein Freund hinten drauf pappte: dort stand "320PS V8 TurboDiesel". Die Freundin hatte ich noch immer, nur fuhr ich nicht mehr so gerne hin.
Da unterstellten einem die "Erwachsenen", dass man nach dem Genuß von "Thriller" von Michael Jackson einen Gehörschaden davontragen würde und dann kaufen sie einem so was. Die Phonwerte kenne ich natürlich nicht, jedoch dürften sie in einem direkten Vergleich mit tieffliegenden Düsenjets eine reelle Chance haben. Eines Septembertages dachte ich, das Problem hätte sich gelöst: eine betrunkene Dame im Volvo 264 fuhr ungebremst in meinen Kofferraum. Jedoch stellt bei Schritttempo auch ein Volvo keine Gefahr dar und der Polo wurde repariert. Scheiße!
Einige Monate später tauschte ich ihn gegen moderaten Aufpreis gegen einen Polo GT, Bj. ´82, ein (DAU-DT 65). Der war schwarz, hatte breite Reifen (ich war 18 und stand auf so was...) und unglaubliche 75PS. Ich hatte auf einmal einen Polo mit Drehzahlmesser, 5 Gängen, Schiebedach und geilem (den Ausdruck gabs damals eigentlich noch nicht...) Radio. Zwei mal vier Watt. Und mit schnellem Vorlauf. Stolz. Ein erster Sex in diesem Auto prägte mich bis heute: es war so eng, dass ich jeden Ort außerhalb meines Bettes (Anm.: 2,2 x 2 m) bis heute verabscheue. Ich war damals sehr verwöhnt und hatte im Frühjahr 1987 auch vom GT die Nase voll.
© Timm Schuch
Unterstützend kam hinzu, dass ein windiger Peugeot-Händler aus Hillesheim auf dem Hof einen ´76er 200 Diesel stehen hatte. Außen Orange, innen grün. Polo hin, 200D her. Und die Farben fand ich 1986 sehr ansprechend.

© Mercedes-Benz (meiner hatte auch keinen rechten Spiegel - bei dem Tempo kann man sich auch umdrehen)
Es wurde mein erster Mercedes (DAU-CD 43). Der Händler hatte mich natürlich übers Ohr gehauen. Der Motor war sauer. Er qualmte wie ein Dampfer, schaffte nur noch 95km/h und fiel nach zwei oder drei Monaten unter Zuhilfenahme eines verdammt hohen Bordsteins auseinander.
Meinen schwarzen Polo sah ich übrigens noch jahrelang in Händen der Gattin des Hillesheimer Bürgermeisters.

Meine Eltern hatten inzwischen natürlich die Schnauze voll. Da kaufen sie dem Jungen ein Auto nach dem anderen und er gibt sie mit konsequenter Boshaftigkeit in Zahlung. Der Benz war kaputt, die Bundeswehr mit schmalem Sold stand vor der Tür - also begann ein Autofreies Jahr. Bis mein Hauptfeldwebel mir seinen Audi 100 GL 5S anbot. Resedagrün-Metallic (todschick), Schiebedach, elektrische Fensterheber, Zentral-verriegelung, Plüschpolster usw... Das tollste an ihm waren die amerikanischen Typenschilder: Audi 5000 stand am Kofferdeckel. Und er hatte seitliche amerikanische Blinker.

Er kostete 3.000 DM und war mein erstes 3-Liter-Auto (DAU-ES 43). Er verbrauchte nämlich fast immer drei Liter. Öl natürlich. Aber er hatte diesen Audi-fünf-Zylinder-Sound und sah geil aus. Am 02. Januar 1989 sprang er schlecht an und ich ließ in der Werkstatt den Vergaser nachsehen. Danach lief er wieder. Sehr gut sogar.

Abends wollte ich dann zu einem Freund fahren. Ich setzte den GL aus der Garage und fuhr los. Irgendwie stank alles nach verschmortem Plastik. Da es dunkel war, konnte ich natürlich die Rauchschwaden erst sehen, als die Flammen nach ein paar Hundert Metern schon aus der Haube schlugen. Ich stoppte, sprang raus und klingelte an der nächsten Haustür, um die Feuerwehr zu rufen. Die kamen dann auch schon nach 15 Minuten und hatten einen Feuerlöscher im Transit. Einer der Feuerwehrmänner war besonders eifrig: er nahm eine Stange und schlug eine Seitenscheibe ein. Was passierte, als Sauerstoff ins innere kam, muß ich wohl nicht erwähnen. Irgendwann kam dann die Feuerwehr mit riesigen Löschzügen und verwandelte die Nachbarschaft mitsamt Vorgärtchen und kostbaren Blautannen in einen Schaumteppich. Naja - seitdem weiß ich, dass vollgetankte Autos nur in amerikanischen Spielfilmen explodieren. Der Audi brannte völlig aus, an eine Explosion erinnere ich mich allerdings nicht. Es knallte nur viermal, als die Reifen platzten. In der Kleinstädtischen Nachbarschaft musste ich mir natürlich fortan anhören, dass der Wagen wohl am Aschenbecher angefangen hätte zu brennen. Übrigens habe ich wegen des Brands keine Fotos von ihm. Am Vormittag nahm ich einige auf und ließ danach die Kamera (by the way - es war Papas Mamiya...) auf dem Rücksitz. Als verkohlten Klumpen fand ich sie am nächsten Tag wieder. Was nun? Ich hatte gerade einen neuen Job in Trier, musste also jeden Tag ca. 150km fahren. Der Händler, der am 02. Januar vormittags den Audi-Vergaser repariert hatte, hatte wohl Mitleid oder fühlte sich verantwortlich. Denn er bot mir einen roten Golf GTD, den er für 15.000 DM auf dem Hof stehen hatte, für 12.000 DM an. Der Golf sah super aus: Marsrot, breite Reifen (auch mit 21 stand ich noch auf so was), Schiebedach. Es war zwar ein gewöhnlicher Golf (DAU-E 651), aber es fasziniert mich noch heute, wie sparsam das Auto war. Mein damals bester Freund und ich fuhren alle paar Wochen übers Wochenende (!) nach Barcelona, und auf diesen Touren verbrauchte der Golf selten mehr als fünfeinhalb Liter Diesel. Aber da ich im neuen Job nicht schlecht verdiente, und der Händler im Dezember 1989 von Volkswagen auf Citroen umstellte, stand meine nächste Wahl fest. Das erste ganz neue Auto. Ich entschied mich für einen Citroen BX TZD. Der sah schön aus (damaliger Geschmack), hatte eine für diese Zeit unglaublich reichhaltige Ausstattung und war recht preiswert. Ein neuer 190 Diesel mit ähnlichen Motordaten hätte ohne Sonderausstattungen einige Tausend Mark mehr gekostet. Also bestellte ich ihn: in schwarz-Metallic, mit elektrischem Schiebedach, Klimaanlage (1989!), 195er Reifen mit LM-Rädern und Clarion-System. Diesmal mit mehrmals 10 Watt, wenn ich mich recht erinnere.

Der BX stand damals mit konsequenter Boshaftigkeit im ADAC-Report auf dem letzten Platz. Aber meiner fuhr bis zum Frühjahr 1996 störungsfreie 400.000km mit mir. Es gab - ich schwöre - nur eine Ausnahme. Es war am Tag der Erstzulassung. Stolz auf das neue Auto lud ich eine Freundin ein, mit mir ins 75km entfernte Trier zu fahren. Dort angekommen - nebenbei: es herrschte Schneeregen und war schweinekalt draußen - ließ ich das Fenster ´runtersurren, um einen zufällig vorbeikommenden Passanten nach dem Weg zu fragen.
© Tim Schuch
Nachdem ich die erwünschte Auskunft hatte, drückte ich wieder auf den Fensterheber und hörte nur noch ein leises, metallisches "Bssss...bssss... zzzt...". Schnee fiel auf die Brüstung und die Armlehne und mein neues Hemd. Ich öffnete die Tür, fasste die Scheibe zwischen die Hände und versuchte, während die Beifahrerin aufs Knöpfchen drückte, die Scheibe hochzuziehen. Mit entgegengesetztem Erfolg. Es machte "wwwwwft, zong!" und die Scheibe fiel in die Tür. Wissend, dass ich eben 32000 DM entgegen so seriöser Publikationen wie des ADAC-Berichts in den Gulli gesetzt hatte, fuhren wir - mit voll aufgedrehter Heizung - nach Gerolstein zurück. Der Fensterheber wurde ersetzt, ich mit Kaffee beruhigt, und - so wahr ich hier sitze - das Auto ging nie mehr kaputt. Jedenfalls nicht von sich aus... Das einzige, was er brauchte, waren alle 100.000 km neue Federzylinder und regelmäßig neue Windschutzscheiben. Warum das, weiß ich nicht. Wahrscheinlich waren sie so unter Spannung eingeklebt, dass sie bei der kleinsten Steinchenberührung sprangen.

© Timm Schuch - hier hatte er genau 200.000km
In den etwas mehr als sechs Jahren war es auch zweimal ein Totalschaden. Aber dafür kann der Wagen ja nichts. Einmal war ich auf der Autobahn eingeschlafen und die Böschung hochgefahren und ein anderes Mal hat eine Toyotafahrerin mich übersehen und aus dem Weg geräumt. Da ich aber inzwischen bei dem Citroen-Händler angestellt war, wurde er trotzdem immer repariert. Nach den erwähnten 400.000 Kilometern knallte es dann richtig (ein Kölner LKW von hinten) und nichts war mehr zu machen. Schade
Zwischendurch gab es noch zwei kleine Ausflüge. Inzwischen mit dem Citroen-Virus angesteckt, kaufte ich für nebenbei eine DS Pallas, Bj. ´71 und für´n ´96er Sommer einen 1989er 2CV in weiß. Die Ente nahm erfolgreich am Kölner CSD teil. An diesem Tag war sie besonders hübsch. Außerdem, ich glaube es war 1996 oder ´97, kaufte ich - um übern Winter zu kommen - eine aus Blech gemeißelte Burg: einen Volvo 264 GL D6 mit VW LT-Dieselmotor. Braunmetallic außen und braunes Plüsch innen. Automatic, Fensterheber, Zentralverriegelung und 165er Reifchen. Lustig war, dass die Hausfrauen alle auf die Straße liefen, wenn ich ankam. Er hörte sich eben genauso an, wie die LT des Eiermanns oder des Bäckers. Irgendwann, als er nur noch einen Monat TÜV übrig hatte, heizten wir damit über einen Schrottplatz und zersägten alles, was uns in den Weg kam. 2CV, R4, Kadetts..., alle wurden sie von dem Dickschiff durch die Gegend geschleudert. Einige Tage später stellte ich ihn zu den Schrottmühlen unserer Citroen-Vertretung und meldete ihn ab. Ein Russe kam um die Ecke (by the way: der Volvo trug das Kennzeichen K-GB 666) und wollte ihn unbedingt haben. Er zahlte 500 DM und noch Monate später sah ich ihn mit dem Auto fahren.
Hier noch mal die DS. Allerdings nicht meine - von ihr habe ich kein Foto mehr. Ihre Trinksitten stellten allerdings jeden /8 in den Schatten und auf einmal wusste ich, woher Citroen seinen zweifelhaften Ruf hatte. Ein wunderbares Auto - allerdings bräuchte man drei davon, weil zwei immer in der Werkstatt stehen. Meiner war nie zugelassen und ich fuhr ihn nur mit roter Nummer.
© Timm Schuch
Ich nehme an, die TÜV-Prüfer hätten sich naß gemacht vor lachen, wenn ich ihn vorgeführt hätte. Mit der hier abgebildeten, sie gehörte Manfred, einem Freund aus der Eifel, fuhr ich mal an einem heißen Sommertag von Gerolstein nach Münster zu einem Citroen-Treffen. Sie wurde heißer und heißer und irgendwann bildete ich mir ein (den abgefackelten Audi noch im Hinterkopf) sie würde hinten schon brennen. Also Rückspiegel wegdrehen, schneller fahren und an was anderes denken. Aber an eine Kleinigkeit der DS erinnere ich mich noch genau: dieses Auto hat ein unglaubliches Überholprestige. Du erscheinst im Rückspiegel und jeder, wirklich jeder macht Platz. Und ich spreche hier von normalerweise hartnäckigen Fällen: heißgemachte Sierras (sind vom Werk aus aufs Linksfahren grundeingestellt), rote und weiße 02er aus 23ster Hand, hellgrüne 190er der ersten Serie mit Zender-Spoilern und - vor allem in der Eifel - Opel Rekords in Orange oder Grau, durch deren Zigarrennebel im Inneren man die Umrisse eines Hut´s erahnen kann. Alle machen Platz. Spätestens wenn das "Überlandhorn" ertönt.

Was nun?
Eingangs erwähnte ich eine Dame, Frau Gerhardy.
Sie besitzt in Gerolstein eine Konditorei, an der man zum Beispiel vorbei muß, wenn man im schulpflichtigen Alter ist und zum Gerolsteiner Gymnasium geht. Seit meiner dortigen Einschulung 1977 ging ich also Tag für Tag an ihrer immer geöffneten Garage vorbei. Erst stand dort ein Ford 26M. In gift-grün-Metallic, mit Ford-typischem Vinyldach und Doppelscheinwerfern. Irgendwann war er verschwunden und wurde durch einen Signalroten 280 SE-Benz ersetzt. Der hatte, manchmal schaute ich durch die Scheiben, Cremé-farbene Lederpolster und eine Lenkradautomatic.
Aber dann, 1983, oben erwähnte ich es bereits, musste auch er gehen. Um Platz zu machen für einen innen wie außen Jägergrünen 230 E der Baureihe 123.


© Timm Schuch
Er hatte eine Mercedes-untypische und sehr reichhaltige Ausstattung. Automatic (mit vier Stufen), Drehzahlmesser (heute normal, aber damals in einem solchen Auto...), Wärmedämmendes Glas, Zentralverriegelung, Becker Europa mit Hecklautsprechern (vier mal 10 Watt, oder so...), Schiebedach (komischerweise mechanisch), Scheinwerferwischer (die Düsen haben wir mit einer Nadel auf den Bürgersteig gelenkt und hatten immer viel Spaß...), Chromzierrat etc etc. Frau Gerhardy wurde von ihrem Sohn gebeten, den Führerschein abzugeben - sie war damals etwa 80 Jahre alt.
Aber sie erinnerte sich an meine Vorlieben und rief mich an, um mir ihr Auto anzubieten.
Dieses Tempo gefiel ihm auf der Eifelautobahn am Besten. Bei 160 - 180 km/h schnurrte er leise vor sich hin und verbrauchte - wirklich! - nur etwa elf Liter. Als ich ihn von Frau Gerhardy kaufte, hatte er 30.000 km ´runter. Sie brauchte ihn die letzten Jahre nur, um einmal in der Woche ihren verblichenen Ehemann auf dem Friedhof zu besuchen. Da er diese 30.000 km in langen 15 Jahren gefahren war und er wahrscheinlich den Zustand eines warmen Motors nicht kannte, flogen mir in den ersten Wochen allerhand Dichtungen und leider auch das Automatikgetriebe um die Ohren.
© Timm Schuch
Das Getriebe versagte seinen Dienst ausgerechnet in Paris auf der Champs-Elysée zur Hauptverkehrszeit. Aber ich muß sagen - es ist ein bleibendes Erlebnis, zur unmöglichsten Zeit mit einem Mercedes - und sei er noch so alt - eine Panne zu haben. Ich rief vom Mobiltelefon (das waren 1996 noch Totschläger) den Deutschen MB-Service an, teilte unsere Lage mit und ca. 15 Minuten später wurden wir abgeschleppt. Sie reparierten das Getriebe in einer Pariser Niederlassung notdürftig und wir fuhren wieder heim. In der Kölner Niederlassung wurde das Getriebe dann erneuert und eine riesige, umfassende Inspektion gemacht.
Von da an brauchte ich nur noch regelmäßig ein bestimmtes Ersatzteil. Das meistverkaufte Mercedes-Ersatzteil überhaupt - den Stern. In Köln oder Bonn - egal, wo der Wagen Abends stand, am nächsten Morgen war das Teil weg. Aber ehrlich gesagt, ohne Stern geht es einfach nicht. Immer musste sofort ein neuer drauf.

links Susanna / rechts Evita
1997 dann, in einem ersten Anflug von Midlife-crysis, begann ich im zarten Alter von 30 Jahren eine neue Ausbildung. Mein Chef zahlte mir zwar etwas mehr als einem herkömmlichen Lehrling, jedoch reichte es - trotz Nebenjobs in Kneipen und Cafés - nicht mehr für den Unterhalt meines geliebten grünen 230ers. Ich verkaufte ihn - sehr schweren Herzens - im Juli 1997 an ein befreundetes Paar.
Peter, so hieß der neue Besitzer, rupfte als erstes das Becker-Radio ´raus und baute eine Kennwood-Anlage ein. Ich stand daneben und dachte, dass ich so was als Bundeskanzler gesetzlich verbieten würde. Das Handschuhfach beherbergte von nun an einen Verstärker und hinter dem Fahrersitz (einen blöderen Platz gibt es gar nicht) steckte der CD-Wechsler. Ein kleiner Crash folgte dem nächsten und nach ein paar Monaten gaben sie mein Ein- und Alles gegen einen roten 3er-Kombi in Zahlung. Die einzige Genugtuung bleibt bis heute, dass auch der 3er bald an der Leitplanke klebte.
Der jägergrüne 230E. Ich nehme an, er wird für den Rest seiner Tage durch den Libanon fahren. Danach wurde es etwas hektisch. Im Dezember ´97 verkaufte mir eine nette Bonnerin ihren Passat Variant. Immerhin ein GL mit 90 PS. Als der nach einem halben Jahr den Auspuff verlor, bot mir der Händler statt einer Reparatur einen sehr preiswerten Nissan Sunny Kombi an. So tief unten war ich also schon. Das war eins dieser typischen japanischen Autos. Es war nie kaputt, verbrauchte wenig, ließ sich leicht und komfortabel fahren... - aber so völlig ohne Seele. Weg damit.
Inzwischen, dank der Deutschen Telekom, hatte ich ein JobTicket und wohnte in Bonn. Also erst mal kein Auto, da man mit diesem Ticket, das monatlich nur 52,00 DM kostet, im gesamten Köln/Bonner Gebiet mit Bus/Straßenbahn/Bahn fahren kann.

1999 folgte noch mal ein Renault 19. Nach zwei Monaten bot mir jemand 2.000 DM mehr, als er mich gekostet hatte - weg damit.
Jetzt suche ich wieder. Trotz JobTicket.
Wenn es auch inzwischen meistens alte Schüsseln sind - ich träume von einem sehr gut bis gut erhaltenen 123er T-Modell. Am liebsten einen 230 TE. Einer aus der letzten Serie mit Breitbandscheinwerfern und Wurzelholz am Armaturenbrett. Mit einer Ausstattung wie in den damaligen Prospekten. Träumen darf man ja...

Oder hiervon:
Alle hier abgebildeten Fotos, die nicht meinen Namen tragen, stammen aus dem Doppelband "Deutsche Autos 1945-1990" von Werner Oswald und wurden von mir eingescannt.
© Timm Schuch





Text und Fotos: Timm Schuch September 2001
Kontakt: timm.schuch@t-online.de